31 January 2025

Vom Zweifel zum Verständnis: Der wissenschaftliche Prozess

Wir begegnen regelmäßig Schlagzeilen, die den Eindruck erwecken, Wissenschaftler*innen änderten ihre Meinung ständig. An einem Tag heißt es: „Kaffee erhöht das Risiko für Herzkrankheiten!“, am nächsten: „Kaffee verlängert das Leben!“. Eier wurden erst wegen ihres Cholesteringehalts kritisiert und später als wertvolle Proteinquelle gepriesen. Schlafempfehlungen schwanken zwischen „Nicht mehr als 8 Stunden pro Nacht“ und „Mindestens 9 Stunden für optimale Gesundheit“. Pluto verlor seinen Planetenstatus. Einsteins Annahmen erwiesen sich teilweise als falsch. Dinosaurier galten als kaltblütig, dann warmblütig, dann als irgendetwas dazwischen. Wie kann es sein, dass sich wissenschaftliche Positionen scheinbar so stark verändern? Und können wir der Wissenschaft überhaupt vertrauen?

Der Eindruck von abrupten Kehrtwenden in der Wissenschaft entsteht meist dann, wenn einzelne Studien ohne Kontext aufgegriffen und zugespitzt dargestellt werden. Wissenschaft funktioniert jedoch nicht mit Schwarz-Weiß-Urteilen. Sie ist ein fortlaufender Prozess, in dem Erkenntnisse gesammelt, überprüft, infrage gestellt und verfeinert werden.

Mediale Schlagzeilen lassen die Wissenschaft häufig wie ein starres, allwissendes System erscheinen, das sofortige und endgültige Wahrheit liefert. Doch Wissenschaft arbeitet nicht mit absoluter Gewissheit. Ihre Stärke liegt gerade darin, Unsicherheiten offen zu legen und Wissen schrittweise zu präzisieren. Wenn neue Daten auftauchen, werden Modelle angepasst – nicht, weil Wissenschaftler*innen „verwirrt“ sind, sondern weil sie konsequent dem besten verfügbaren Verständnis folgen.

Um wissenschaftliche Ergebnisse in den Medien besser einordnen zu können, lohnt sich ein Blick darauf, wie die wissenschaftliche Methode tatsächlich funktioniert.

Hinweis: Die Frage, wie Wissenschaft Erkenntnisse gewinnt, ist ein zentrales Thema der Wissenschaftsphilosophie und wird seit Jahrhunderten diskutiert. Der folgende Überblick skizziert die wichtigsten Gedanken, die helfen, neue Studien und Forschungsergebnisse besser zu interpretieren.

Wissenschaftlicher Fortschritt ist nicht linear

Wissenschaftlicher Fortschritt verläuft nicht reibungslos und schon gar nicht gradlinig. Es gibt Phasen, in denen neue Methoden oder Erkenntnisse zu schnellen Durchbrüchen führen und Zeiten, in denen Entwicklungen ins Stocken geraten. Veränderungen von etabliertem Wissen entstehen nicht über Nacht, sondern erfordern umfassende Forschung, kritische Überprüfung und häufig die Zusammenarbeit vieler Forscher*innen auf der ganzen Welt.

Selbst Albert Einstein, oft als Inbegriff des wissenschaftlichen Genies dargestellt, arbeitete nicht isoliert. Die Allgemeine Relativitätstheorie entstand im Austausch mit anderen Physiker*innen und Mathematiker*innen und wurde erst nach Jahren intensiver Prüfung, Tests und theoretischer Weiterentwicklung von der wissenschaftlichen Gemeinschaft akzeptiert.

Von der Anomalie zur Hypothese

Wissenschaftlicher Fortschritt beginnt häufig mit einer Anomalie, einer Beobachtung, die nicht in das bestehende theoretische Verständnis passt. Solche Abweichungen fordern Forschende dazu heraus, neue Fragen zu stellen und Erklärungssätze zu entwickeln. Daraus entsteht eine Hypothese, eine überprüfbare Idee, die das ungewöhnliche Phänomen plausibel beschreiben soll. Hypothesen können sowohl aus direkten Beobachtungen hervorgehen als auch aus theoretischen Überlegungen, die das etablierte Wissen infrage stellen.

Ein klassisches Beispiel dafür ist die Arbeit von Marie Curie. Ende des 19. Jahrhunderts bemerkte sie, dass bestimmte Mineralien, insbesondere Uranerze, Energie abgaben, selbst ohne Sonnenlicht. Diese Beobachtung ließ sich mit den damaligen physikalischen Theorien nicht erklären. Curie vermutete, dass die Strahlung aus der atomaren Struktur der Elemente selbst stammen müsse. Diese Hypothese führte sie zur Entdeckung der Radioaktivität, ein Durchbruch, der das wissenschaftliche Verständnis von Materie grundlegend erweiterte und den Weg für zentrale Entwicklungen in der Kernphysik sowie für medizinische Anwendungen wie die Strahlentherapie ebnete.

Neue Fragen bedeuten nicht, dass vorheriges Wissen falsch war

Neue Fragen bedeuten nicht unbedingt, dass bisheriges Wissen falsch gewesen ist. Häufig tragen sie vielmehr dazu bei, bestehende Erkenntnisse zu verfeinern oder in einem größeren Kontext zu stellen.

In den 1970er Jahren beobachteten einige Wissenschaftler*innen einen temporären Abkühlungstrend fest und diskutierten die Möglichkeit, ob dies auf eine kommende Eiszeit hindeuten könnte. Die breitere wissenschaftliche Gemeinschaft sammelte jedoch bereits Belege für die erwärmende Wirkung von Treibhausgasen. Mit zunehmenden Daten zeigte sich, dass die kurzfristige Abkühlung lediglich eine regionale Schwankung war, während der langfristige globale Trend auf eine globale Erwärmung hinwies. Dies war kein Fall von „die Wissenschaft lag falsch“, sondern ein Musterbeispiel wissenschaftlichen Fortschritts: Schlussfolgerungen werden angepasst, sobald umfassendere und robustere Evidenz vorliegt.

Modelle als Werkzeuge zum Testen von Hypothesen

Um Hypothesen zu prüfen, greifen Wissenschaftler*innen auf Modelle zurück – vereinfachte Darstellungen einer komplexen Realität. Solche Modelle ermöglichen es, bestimmte Aspekte eines Phänomens isoliert zu betrachten und kontrolliert zu untersuchen. Ein Modell kann eine Computersimulation, eine mathematische Gleichung oder ein physikalisches Experiment im kleinen Maßstab sein, das reale Bedingungen nachbildet. Modelle dienen dazu, Annahmen zu testen, mögliche Entwicklungen zu erkunden und zu überprüfen, ob die verfügbaren Daten eine Hypothese stützen oder infrage stellen. Mit neuen Erkenntnissen werden sie entsprechend angepasst und verfeinert.

Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung neuer Medikamente. Bevor ein Wirkstoff in klinischen Studien an Menschen getestet wird, untersuchen Forscher*innen zunächst die Wirkung in einfachen Modellsystemen, etwa an einzelnen Zellkulturen im Labor. Auf diese Weise lassen sich Effekte unter kontrollierten Bedingungen beobachten und eindeutig dem Medikament zuordnen. Zugleich ist klar, derartige Vorversuche können nicht vollständig abbilden, wie ein Wirkstoff in einem komplexen Organismus, wie dem menschlichen Körper, wirkt.

Wahrscheinlichkeiten statt absoluter Gewissheiten

Das Testen wissenschaftlicher Hypothesen führt selten zu absolut sicheren Aussagen. Stattdessen bewerten Forscher*innen Wahrscheinlichkeiten, um zu bestimmen, wie wahrscheinlich es ist, dass ihre Ergebnisse auf die Hypothese und nicht auf Zufall zurückzuführen sind. Je konsistenter die Evidenz, desto größer ist das Vertrauen in die Schlussfolgerung. Auf diese Weise können neue Daten oder verbesserte Methoden frühere Erkenntnisse präzisieren oder sogar infrage stellen. Deshalb entwickelt sich wissenschaftliches Wissen ständig weiter.

Ein gut nachvollziehbares Beispiel ist die Wettervorhersage, die stark auf Wahrscheinlichkeiten angewiesen ist. Meteorolog*innen nutzen statistische Modelle, um Faktoren wie Temperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit zu analysieren und zukünftige Bedingungen vorherzusagen. Da Wettersysteme jedoch äußerst komplex sind, bleiben Vorhersagen stets mit Unsicherheiten verbunden – weshalb sich das Wetter manchmal anders entwickelt als erwartet.

Reproduzierbarkeit und Weiterentwicklung des Wissens

Erste Ergebnisse aus einer einzelnen Studie sind nur ein Anfang und führen selten sofort zu wissenschaftlichem Konsens. Im nächsten Schritt wird die Forschung erweitert, unter verschiedenen Bedingungen überprüft und in einem größeren Zusammenhang eingeordnet. Dabei spielt Reproduzierbarkeit eine zentrale Rolle: Andere Wissenschaftler*innen müssen eine Studie wiederholen und vergleichbare Resultate erzielen können, bevor neue Erkenntnisse als belastbar gelten.

Sobald ausreichend Forschung vorliegt und Ergebnisse durch umfangreiche Daten und statistische Analysen gestützt werden, kann eine Hypothese Teil eines etablierten wissenschaftlichen Rahmens werden. Selbst dann können neue Entdeckungen, Technologien und Methoden bestehende Modelle präzisieren oder sogar noch ersetzen, wodurch unser Verständnis der Natur stetig wächst.

Das ist, was die wissenschaftliche Methode so spannend macht, sie entwickelt sich ständig weiter. Beispielsweise beschrieb Newtons Gesetz der universellen Gravitation die Planetenbewegungen innerhalb unseres Sonnensystems sehr genau. Als Wissenschaftler*innen jedoch die Schwerkraft auf größeren kosmischen Skalen untersuchten, galten Newtons Gleichungen nicht mehr. Dies führte zu Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie, die eine vollständigere Erklärung lieferte. Aber auch die allgemeine Relativitätstheorie ist nicht die endgültige Antwort – mit zunehmendem Verständnis des Universums entstehen immer neue Theorien.